代々木公園で見た

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Samstag, 10. März 2007

Ressource oder nicht Ressource, das ist hier die Frage

Japan besitzt ein "ausgeklügeltes" System zum Trennen des Mülls, der in Haushalten so anfällt. Es wird nach Ressourcen (Glas, Blech, Pappe, Zeitungen), brennbarem Müll (u. a. Bioabfall, Holz, Papier) und nicht brennbarem Abfall (alles andere) unterschieden. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es (zumindest in Tokyo) auf der Straße jedoch keine (halb)öffentlichen Müllbehälter, in die man seinen Mülleimer bei Bedarf entleeren kann. Stattdessen muss der Abfall zunächst in Tüten oder Kisten in/vor den Wohnungen gesammelt werden. Um zu wissen, wann man den Müll loszuwerden kann, gibt es in jedem Stadtviertel die "Müllpläne". In diesen ist aufgeführt, welche Sorte Abfall an welchem Tag der Woche abgeholt wird. Kommt nun beispielsweise am Montag der Transporter zur Entsorgung des nicht brennbaren Mülls, dann muss man früh morgens seine sorgsam verschlossenen Mülltüten an vorgegebenen Stellen neben der Straße ablegen. Oftmals liegen dazu auch große Netze bereit, unter die man die Tüten platziert, damit sie bei starkem Wind nicht davonfliegen. Sehr wichtig ist jedoch, dass man an besagtem Tag auch wirklich nur den Müll rausstellt, der laut Plan abgeholt wird. Denn jeglicher anderer Abfall wird von der Entsorgungsfirma NICHT mitgenommen. Stattdessen klebt sie einen Zettel an den Müll, mit dem auf den Fehler aufmerksam gemacht wird. Kommt man am Abend dann von der Arbeit zurück und findet seine Tüte noch vor, dann muss man sie notgedrungen wieder mitnehmen und am richtigen Tag nochmal hinstellen.

Nun aber zum eigentlichen Grund, der mich bewog, an dieser Stelle über die Müllwirtschaft Japans zu referieren: In meinem Viertel wird am Samstag stets der Abfall abgeholt, den man als Ressourcen definiert, also Pappe, Zeitungen usw.. So auch vergangenes Wochenende. Deshalb lag vormittags an bekannter Stelle ein kleiner Haufen, bestehend aus ein paar Zeitungspacken und der Verpackung von irgendeinem Schrank. Was der Besitzer der Schrankverhüllung jedoch "vergaß" war die Tatsache, dass sich in der Pappe noch Styropor und anderes Füllmaterial befand, was natürlich KEINE Ressourcen sind. Also kam es, wie es kommen musste: das Styropor wurde mitsamt der umgebenden Pappe von der Müllabfuhr nicht mitgenommen. Stattdessen prangte ein Aufkleber mit einem lustigen Männchen drauf, den die Müllmänner da draufgepappt haben. Nur leider wohnt der Verursacher des "Problems" anscheinend nicht in meiner Straße oder ist auf Reisen, denn am Montagmorgen lag die Pappe immer noch da, wenn auch durch den Wind ein paar Meter verschoben. Dieser Umstand hatte mittlerweile den Unmut einiger engagierter Nachbarinnen auf sich gezogen. Da der "Besitzer" nicht freiwillig hervorkam, konnte nur noch einer helfen: Der freundliche Schutzmann vom Kōban (jap. 交番) um die Ecke.

Was ein Kōban ist, wissen zwar sicher die meisten eh schon, aber für diejenigen, die nur "Bahnhof" verstehen, hier eine Begriffserläuterung: Als Kōban bezeichnet man in Japan allgemein ein kleines Polizeihäuschen, in dem meist eine Handvoll Polizisten ihren Dienst tut. Davon (also von den Kōbans) gibt es in Tokyo alle paar Blocks einen. Die dort eingesetzten Beamten verbringen den Großteil der Zeit mit dem Schlichten kleinerer Streitigkeiten oder weisen einem Fremden, der sich verlaufen hat, den rechten Weg.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Als ich also früh das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen, standen da zwei nette ältere Damen und ein Polizist mit seinem Rad und beguckten sich die Pappe mit dem Styropor, anderem Füllmaterial und dem lustigen Männchen drauf. Ein wenig ratlos sahen die drei zwar aus, aber der Polizist schrieb zumindest erstmal alles auf, was ihm die Damen so erzählten. Ich schlich mich lieber schnell vorbei, bevor der Polizist auf die Idee kommen konnte, mich bezüglich der Situation ins Kreuzverhör zu nehmen.

Japanische Beamte (nicht nur die Polizei) sind oft sehr konservativ eingestellt und begegnen uns Ausländern mit Unsicherheit oder Misstrauen. Es nützt dann wenig, sie überzeugen zu wollen, dass man weder ein gefährliches noch ein subversives Subjekt ist. Die Unsicherheit gegenüber Fremden sitzt tief. Oft kann nur das Fürsprechen eines (angesehenen) japanischen Bürgers helfen, dieses Misstrauen auszuräumen. Schließlich kann ein Fremder, für den ein Japaner Fürsprache einlegt, nicht sooo verdächtig sein. (Wer Erfahrensberichte aus erster Hand bekommen möchte, den vermittle ich gern an meinen thailändischen Kollegen Warapong. Der ist schon zum wiederholten Mal innerhalb kurzer Zeit auf der Straße kontrolliert worden.)

Aber wieder weiche ich vom Thema ab. Also nochmal kurz zurück zum Müll der Stadt. Nachdem ich erfolgreich einer peinlichen Befragung entkommen war und den Tag im Büro verbracht habe, kehrte ich am Abend zurück – und wahrlich, die Pappe war verschwunden. Ob die Polizei den Schuldigen ausfindig machen und zur Rechenschaft ziehen konnte, oder ob die Pappe durch den starken Wind der an dem Tag herrschte einfach weggewedelt und vom einsetzenden stürmischen Regen mehr oder weniger aufgelöst wurde, konnte ich aber leider nicht definitiv klären.

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