Nachträglich wünsche ich allen Lesern noch ein gutes und erfolgreiches neues Jahr.
明けましておめでとございます
Als ich Anfang des Jahres von einer japanischen Freundin Neujahrsgrüße erhielt, erzählte sie mir auch, dass sie am 1. Januar mit ihrer Familie traditionell nach Narita fährt, um den dortigen buddhistischen Tempel zu besuchen. Es handelt sich dabei um den im Jahre 940 vom Mönch Kancho-sojo gegründeten Naritasan Shinshoji Tempel, auch bekannt als "Ofudo-sama von Narita" (Fudo-myō, Gott des Feuers). Ofudo-sama ist einer der drei wichtigsten Fudo-myō-Götter des Kanto-Distrikts. Des Weiteren handelt es sich beim Naritasan um den Haupttempel der buddhistischen Shingon Sekte. Zu Neujahr versammeln sich in diesem Tempel tausende Gläubige, um Schutz und Glück für sich im anbrechenden Jahr zu erbitten.
Den heutigen sonnigen und warmen Tag habe ich dazu genutzt auch einmal nach Narita zu fahren und den Tempel zu besuchen.
Nachdem ich mich auf unserer privaten internationalen Silvesterfeier in Shibuya etwas zu sehr mit dem Verkosten der Produkte von Sapporo, Kirin und Asahi beschäftigt habe, und dadurch am Neujahrsmorgen die Möglichkeit, im dortigen Shintō-Schrein bei den Kamis und Ahnen für mein Glück zu bitten, nicht wirklich bewusst wahrnehmen konnte, wollte ich auch dies unbedingt nachholen.
Früh morgens brach ich also auf. Als erstes machte ich, kaum aus dem Haus getreten, Erfahrung mit einigen (meist weiblichen) Fahrradfahrern, die die Möglichkeit unbedingt wahrnehmen wollten, auf den noch leeren Gehwegen die wahren Leistungen ihrer Drahtesel auszutesten. In Tokyo müssen Fahrradfahrer im Normalfall nämlich auf dem Gehweg fahren, da die Straßen aufgrund der Vielzahl von Autos zu gefährlich sind. Und im normalen Tagesverkehr ist mit dem Fahrrad auf dem Gehweg kaum ein ordentliches Fahren möglich, da andauern einer von den lästigen Fußgängern in die Quere springen kann.
Mit der JR Yamanote Line und dem Narita Express ging es schließlich nach Osten, hinaus aus Tokyo, über weite Reisfelder und kleine Dörfer, bis nach Narita. Nach dieser Stadt ist im Übrigen auch der internationale Flughafen von Tokyo benannt, der nicht weit entfernt liegt.
Da der Weg zur Omote-sando, der Hauptstraße zur Tempelstadt, sehr gut ausgeschildert und außerdem in der Touristinformation kostenlose Umgebungskarten zu bekommen waren, machte ich mich in Narita ohne große Verwirrung auf den Weg Richtung Tempel. Links und rechts der Omote-sando fanden sich viele kleine Restaurants und Geschäfte, die Souvenirs, chinesische Medizin, japanische Süßigkeiten, eingelegtes Gemüse und Unmengen an Fisch in allen möglichen Formen anboten. So gab es beispielsweise getrocknete Guppys (zumindest von der Größe her) in den Farben Rot, Gelb und Grau. Des Weiteren im Angebot waren eingelegter und frittierter Fisch und kleine, maximal 10 cm lange lebende Aale, zu 500 Yen für 100 g Aal. Ich hab lieber nicht gefragt, wie man die zubereitet.
Bald schon hörte man von fern die Megaphonstimmen unzähliger pflichtbewusster Sicherheitskräfte, die die Menschenmassen in die rechten Bahnen lenkten und vom Zusammenbruch der geordneten Bewegung abhielten. Als ich in den Tempelbereich einbog wurde ich von der Menge an Menschen völlig überwältigt, da bis dato in der Omote-sando für japanische (Tokyoter) Verhältnisse nicht viel los war. Ich bahnte mir den Weg durch eine Menge schwarzer Köpfe und erreichte den "Niomon". Dies ist das Eingangstor zum Tempelbereich. Hinter dem Tor ging es eine steile Treppe herauf, an deren oberen Ende wiederum ein Mann mit Mikrophon die Menschen beschwor nicht stehenzubleiben.
Oben angekommen wollte ich mich noch einmal umdrehen, um ein Foto der heraufziehenden Massen zu schießen. Sofort ermahnte mich der Mann mit dem Mikrophon doch bitte hier nicht stehenzubleiben und weiterzugehen. Zunächst tat ich so, als könnte ich ihn nicht verstehen. Als er jedoch mit Händen und Füßen und auf die anderen braven japanischen Besucher weisend mir zu verstehen gab, was er von mir wollte, konnte ich seiner netten Art nicht mehr widerstehen und gab seinem Wunsch nach. Sein dankbarer Blick ist mir noch jetzt im Gedächtnis.
Schließlich stand ich vor der "Dai-hon-do" Halle, dem Hauptgebäude des Tempels. Im Inneren der 296 Tatami-Matten (488 qm) großen Halle befindet sich eine Statue des Fudo-myō, dem Gott des Feuers und es wird kontinuierlich ein Weihrauchfeuer am Brennen gehalten. Als ich an der Reihe war, stellte ich mich im Eingangsbereich mit Blick auf die Statue hin, warf eine Münze in den dafür vorgesehenen Holzkasten und bat, wie ich es zu Silvester von einem japanischen Freund gelernt hatte, um Glück für das Jahr: Zuerst die Münze werfen, dann verbeugen, die Hände zusammenhalten und den Wunsch äußern (natürlich nur in Gedanken), dann zweimal in die Hände klatschen und am Ende noch einmal eine Verbeugung.
Anschließend pilgerte ich über den großen Platz um den Naritasan Shinshoji Tempel und bestaunte die anderen Bauten: u. a. eine dreistöckige Pagode, ein Gebäude (Issaikyo-do) mit einer großen Sammlung an buddhistischen Sutren (oder Sutras) und die Shakado Halle, die den Staatsschatz enthält.
Und über all dem Geschehen um mich herum vernahm ich in dankbarer Demut stets die Ermahnungen unserer Beschützer, den Sicherheitskräften, die uns immer wieder dazu aufriefen darauf zu achten, wo wir hintreten und stets Ruhe zu bewahren.

Immer hilfsbereit: Die Männer vom Sicherheitsdienst
In einem etwas ruhigeren Bereich der Tempelanlage, nahe der Deito Pagode, machte ich es mir, nachdem ich mich mit Nudeln und frittiertem Hühnchen am Spieß eingedeckt hatte, bequem um mein Mahl zu verzehren und die Ruhe, die der Platz ausstrahlte zu genießen. Außerdem hatte ich mir vorgenommen einmal ein paar Eindrücke von den Menschen, die um mich herum waren, auf Zelluloid – oder in der modernen Version – auf Chipkarte zu binden. Bisher kam dieser Aspekt des Lebens bei meinen Fotostreifzügen durch Tokyo oftmals etwas zu kurz. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland möchte ich jedoch nicht den Eindruck erwecken, Japan bestünde nur aus Autos, Häusern und lustigem Spielzeug. Also legte ich mich auf die Pirsch und konnte einige schöne Schnappschüsse landen. Während meiner heutigen abendlichen Fotoauswertung konnte ich feststellen, dass ich es tatsächlich geschafft habe, ein reiches Bild der Facetten des japanischen Lebens und Seins im Tempelbereich und Narita einzufangen.

Die Daito Pagode
Zum Abschluss meines Besuchs im Naritasan besuchte ich noch einmal eine der Nebenhallen der Dai-hon-do, um dort für eine kleine Spende mein Glück im Ziehen eines Glücksbriefs zu versuchen. Der Glücksbrief enthält Weissagungen für das anbrechende Jahr. Um einen solchen Brief zu bekommen schüttelt man zunächst eine kleine Holzdose, an deren einem Ende ein kleines Loch ist. Wenn man die Dose dann auf den Kopf stellt, dann kommt aus dem Loch ein zufälliges Stäbchen mit einem Zeichen. Dies zeigt man dann einer der zahlreichen Helferinnen, die daraufhin in ein Regal mit vielen kleinen Kästchen greifen und den zum Zeichen passenden Glücksbrief herausgibt. Wenn man den Brief gelesen – oder in meinem Fall zur späteren Übersetzung fotografiert – hat bindet man den Brief vor dem Tempel an ein Holzgestell, an dem bereits hunderte anderer dieser Briefe hängen. Nun darf man hoffen, dass die Weissagungen und Wünsche in Erfüllung gehen.
Wenn ich den Brief übersetzt habe, dann werde ich seine Botschaft im Blog veröffentlichen. Wer es schafft den Glücksbrief vor mir zu übersetzen und mir die Bedeutung mailt, dem schicke ich eine kleine Überraschung aus Japan nach Hause.
Schließlich neigte sich mein Besuch dem Ende und ich lenkte meinen Gang Richtung Ausgang. Am Eingangstor angekommen erlebte ich eine, für Europäer, sehr ungewöhnliche Situation. Im Ausgangsbereich kreuzen sich die Wege der Leute, die in den Tempelbereich hinwollen mit dem Weg der Leute, die den Bereich verlassen möchten. Da zu dieser Tageszeit der stete Strom der Hinaus- und Hineingehenden jede Minute aus jeweils hunderten von Köpfen bestand, wurden die Menschen, wie an einer Straßenkreuzung zum Gehen oder Warten angehalten. Sieben oder acht Sicherheitsmänner steuerten den Menschenfluss wie eine lebendige Ampel. Als Hilfsmittel nutzten sie wild blinkende rote Stöcke und die unverzichtbaren Megaphone. In diese wurden zum einen Aufforderungen für die Gehenden gesprochen, doch bitte nicht stehen zu bleiben, zum anderen auch beruhigende Worte für die Wartenden, dass es in wenigen Augenblicken weitergehen würde.
Auf dem Weg zurück zur Narita Station nahm ich mir noch ein bisschen Zeit durch die Geschäfte an der Omote-sando zu stöbern. Auch dabei erlebte ich wieder Momente, die ich eigentlich bereits längst für vergangen hielt, da ich sie zuletzt in den Tagen der Deutschen Demokratischen Republik sah: Lange Schlangen von Menschen standen an, um Einlass in Restaurants zu erhalten. Und alle Wartenden waren völlig geduldig und harrten des Momentes, in dem sie eingelassen werden...



1 Kommentar:
@ Schlange stehen und warten
Jetzt könnte man ja raten, wer von wem gelernt hat.
Gruß Göran
Kommentar veröffentlichen