代々木公園で見た

代々木公園で見た

Donnerstag, 18. Januar 2007

Sumō Basho in Tokyo

Vergangenen Sonntag hatte ich das Vergnügen und die Ehre, mir Wettbewerbe der wohl japanischsten aller japanischen Sportarten live und in Farbe ansehen zu können – Sumō. Zusammen mit einigen anderen Deutschen traf ich mich am Vormittag in Ryōgoku vor der Kokugikan Arena. Von der Ostasiatischen Gesellschaft organisiert, führte uns ein langjähriger Fan des Sumō in die Heiligen Hallen und erläuterte uns, nachdem wir unsere Plätze ganz oben hinten im zweiten Rang aufgesucht hatten, zunächst die Regeln des Sports und berichtete ein wenig über die Geschichte und die Zeremonien des Sumō.

Der japanische Sumō-Kalender sieht jährlich sechs "Basho", so heißen die Turniere, vor. Jedes "Basho" dauert 15 Tage. An jedem Tag muss jeder der teilnehmenden "Rikishi", die Sumō-Ringer, einen Kampf bestehen. Drei der "Basho" finden in Tokyo statt (Januar, Mai und September) und jeweils eines in Osaka (März), Nagoya (Juli) und Fukuoka (November).

Der vergangene Sonntag war der achte Tag des Januar-Turniers und versprach deswegen besondere Spannung. Denn einige "Rikishi" hatten die Möglichkeit bereits ihren achten Kampf zu gewinnen und damit einen wichtigen Schritt hinsichtlich des Turniergewinns, oder wenigstens einer Beförderung in einen höheren Rang, zu machen. Wer am Ende entweder 15, oder aber wenigstens die meisten Siege davongetragen hat, gewinnt das Turnier in seiner Klasse. Aber auch ein gutes Sieg-Niederlage-Verhältnis hilft hinsichtlich des Aufstiegs in den Rängen weiter.

Das "Basho" begann am Vormittag etwa gegen 09:30 Uhr mit den Kämpfen der niederen Ränge, den "Jonokuchi" bis zu den "Makushita". Die "Rikishi", die diese Ränge bekleiden, kämpfen jedoch nur an sieben Tagen des "Basho". D. h., sie müssen auch nur sieben Kämpfe bestehen. Bei den genannten Rängen wird auch auf einen Großteil der Zeremonien zu Beginn und am Ende eines Kampfes verzichtet. Dies ist sicher auch der großen Anzahl an Teilnehmern in den unteren Rängen – etwa 150 – verschuldet.

Am Vormittag und zur Mittagszeit waren in der Kokugikan Arena noch nicht sehr viele Besucher anwesend, so dass wir uns frei in der Halle bewegen konnten und sogar die Möglichkeit hatten, bis auf wenige Meter an das "Dohyo", den Kampfplatz, heranzutreten und den Kämpfen beizuwohnen. Später, zu den Kämpfen der oberen Ränge und der internationalen Sumō-Stars, sollte sich die Halle jedoch noch fast bis auf den letzten Besucherplatz füllen.
Auch im Außengelände der Arena war es sehr interessant, denn man konnte die ankommenden Sumō-Kämpfer hautnah beim Betreten des Geländes und der Halle erleben. Begeisterte Fans riefen vielen der eintreffenden Kämpfer ein lautstarkes "Ganbatte kudasai" zu, was man in etwa übersetzen kann mit "Behaupte Dich", "Lass Dich nicht kleinkriegen" oder "Behalt den Kopf oben". Die Kämpfer in den höheren Rängen hatten sogar eigene Diener dabei, die ihnen die Taschen getragen haben. Diese Diener sind Sumō-Kämpfer in sehr niedrigen Rängen, die für ihren "Herrn" alles machen müssen: Saubermachen, Einkaufen, Kochen, Badewasser einlassen usw...


Pünktlich um 14:35 Uhr, so wie es auch im Programmheft stand, begann die Zeit der Kämpfe der "Rikishi" in den Rängen der "Juryo". Dies sind die mittleren Ränge des Sumō und es gibt derzeit gerade einmal 28 professionelle "Rikishi" in Japan, die diesen Rang innehaben.

Dieser Abschnitt des Wettkampftages begann mit der "Dohyo-iri". Zu dieser Zeremonie, die übersetzt soviel wie "Betreten des Rings" heißt, begeben sich die Ringer der zwei Sumogruppen "Ost" und "West" jeweils gesammelt in das "Dohyo". Dabei tragen sie ihre Schmuckschürzen, die sogenannten "Kesho-mawashi". Diese sind aus Seide und zeigen unterschiedliche Muster und Bilder, die sich auf den "Rikishi" beziehen, der die "Kesho-mawashi" trägt. Unter anderem finden sich Abbildungen von Landschaften der Heimat-Präfekturen, oder bei Ausländern die Farben ihrer Landesflaggen. Aufgrund der reichhaltigen Verzierung mit Gold- und Silberfäden, sowie den enthaltenen Diamanten, kosten diese Schürzen nicht selten mehr als 2.000.000 Yen.

Nachdem die "Rikishi" das "Dohyo" betreten haben, führen sie einige kurze traditionelle Rituale durch. Zuerst vollführen die Kämpfer der Ostgruppe das "Dohyo-iri", anschließend die Mitglieder der Westgruppe.


An das "Dohyo-iri" anschließend fanden die Kämpfe der "Juryo" statt.

Der Zuschauerbereich der Kokugikan Arena füllte sich mehr und mehr, bis schließlich kurz vor 16 Uhr alle Plätze besetzt waren und wir zu unseren Sitzen zurückkehren mussten.

Um etwa 15:50 Uhr betrat schließlich die Elite der Sumō-Kämpfer – die "Maku-uchi" – die Halle. Unter ihnen waren so bekannte Namen, wie Kotooshu, ein Bulgare, der derzeit der ranghöchste Ausländer im Sumō-Sport ist, Kaio, Tochiazuma, sowie der derzeitige alleinige "Yokozuna", der Mongole Asashoryu. "Yokozuna" ist der höchste Rang, den ein "Rikishi" erreichen kann. Die Anzahl der "Rikishi", die in der japanischen Sumo-Vereinigung die Ränge eines "Maku-uchi" bekleiden dürfen, ist auf 40 beschränkt.

Nachdem auch die "Maku-uchi" ihre "Doyo-iri"-Zeremonie durchgeführt hatten, durfte zunächst Asashoryu seinen ersten großen Moment des Tages haben. Als amtierender "Yokozuna" hatte er das Recht (oder die Pflicht) das "Tachimochi" zu vollführen.

Bei diesem Ritual betritt der "Yokozuna" den "Dohyo", gefolgt vom Ober-"Gyoji" (einem Ringrichter) und zwei "Maku-uchi rikishi". Alle drei "Rikishi" tragen ihre "Kesho-mawashi" und einer der beiden Assistenten zusätzlich ein großes Schwert. Der "Yokozuna" hat über seiner "Kesho-mawashi" außerdem ein dickes verziertes Hanfseil, welches ca. 15 kg wiegt und auf dem Rücken kunstvoll zusammengebunden ist. Vorn hängen Zickzack-Papiermuster herunter, die ein bekanntes shintoistisches Religionssymbol darstellen.


Der "Gyoji" und die beiden "Maku-uchi rikishi" hocken sich an den Rand des "Dohyo" und der "Yokozuna" vollführt daraufhin mit äußerster Achtsamkeit und Eleganz die "Dohyo-iri"-Zeremonie. Dabei werden einige traditionelle Bewegungen durchgeführt, die die Verbundenheit mit den Göttern und das Nichtvorhandensein von Waffen aufzeigen sollen. Außerdem werden noch mit beiden Füßen kräftige Tritte auf den Boden vollführt, um böse Geister aus dem "Dohyo" zu vertreiben.

Sollte es mehr als einen "Yokozuna" geben, dann führen auch die anderen ein solches Ritual durch.

Nach diesem Ritual begannen die Kämpfe der Sumō-Stars, stets begleitet vom Anfeuern und der Begeisterung der Zuschauer.

Nun noch kurz ein paar Worte zum Ablauf eines Sumō-Kampfes:
Zunächst betreten beide "Rikishi" von der Ost-, bzw. Westseite aus das "Dohyo". Anschließend vollführen sie einige symbolische Bewegungen, um Geist und Körper zu reinigen. Außerdem spülen sie ihren Mund mit sogenanntem "Kraftwasser" aus. Dieses soll zum einen Kraft und zum anderen Reinheit auf den Kämpfer übertragen. Bei den Kämpfen der höheren Ränge ("Maku-uchi") übergibt der Sieger des vorhergehenden Kampfes dem nächsten aus seiner Gruppe dieses Wasser, um damit auch seine Kraft an ihn zu übergeben. Verlierer dürfen das aus verständlichen Gründen nicht. Außerdem trocknen die Ringer ihre Körper mit einem Papiertuch. Einige rituelle Bewegungen, die während den Vorbereitungen ausgeführt werden, sind von der "Dohyo-iri" des "Yokozuna" übernommen worden. So unter anderem das Heben der Arme zu beiden Seiten und das Aufstampfen mit den Füßen. Unmittelbar bevor die Ringer den Ring betreten, wirft jeder der Kontrahenten eine Handvoll Salz in die Mitte des "Dohyo", um damit sich selbst vor Unfällen zu bewahren. Allerdings ist das Werfen des Salzes ein Privileg der höheren Ränge, also den "Juryo", den "Maku-uchi" und den "Maku-shita".
Der Kampf beginnt, indem sich beide "Rikishi" in die bekannte Startstellung, der "Shikiri", begeben. Dabei stehen beide auf ihren Füßen, die Fäuste berühren den Boden und die Kontrahenten sehen sich gegenseitig an. Nun warten sie auf den psychologischen Moment, in dem sich beide bereit für das Ringen fühlen. Kommt dies nicht zustande, dann kann es passieren, dass die Startstellung aufgegeben wird und sich beide "Rikishi" wieder in ihre Ecken begeben, um erneut Salz in den Ring zu werfen und in die Startstellung zu gehen. Während der Veranstaltung am Sonntag kam es sehr oft zu diesem Verhalten, welches ich mir zunächst nicht erklären konnte. Aber ein bisschen Psychologie spielt wohl in jedem Sport mit. Der Wechsel aus "Shikiri" und Salzwerfen kann maximal bis zu vier Minuten lang wiederholt werden.


Dafür sind die Kämpfe dann umso schneller vorbei. Verloren hat ein "Rikishi", wenn er entweder den Ring verlässt oder mit einem anderen Körperteil, als den Füßen den Boden berührt. Selbst, wenn der Fuß abknickt und der Kämpfer damit nicht mehr auf der Fußsohle steht, gilt das als Verlust des Kampfes.


Nachdem alle Kämpfe vorbei waren, stand nochmals ein Höhepunkt des Tages an. Als abschließendes Ritual wurde von einem dafür speziell ausgewählten "Makushita rikishi" der "Yumitori-shiki", der "Bogen-Tanz", aufgeführt. Dabei wirbelt der "Rikishi" einen Langbogen, den er von einem "Gyoji" überreicht bekommt, in einem im Ablauf festgelegten Tanz hin und her. Anscheinend machte der diesmal ausgewählte "Rikishi" seine Sache sehr gut, denn das Publikum konnte sich kaum halten vor Begeisterung.

Pünktlich zu den Abendnachrichten um 18:00 Uhr fand die Veranstaltung ihr Ende und das Publikum verließ geordnet die Arena, um sich dann gesammelt in die Metro-Bahnen Richtung Tokyo-Zentrum zu quetschen.

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