Da wir HNP-Stipendiaten zu den "feurigsten Anhängern" des Tennos gehören, wollten wir uns die Möglichkeit nicht entgehen lassen, den Kaiser einmal persönlich und aus relativer Nähe zu sehen, sowie den Palast und den dazugehörigen großen Park zu besichtigen.
Nachdem sich unser Grüppchen, bestehend aus zehn Leuten um kurz nach 09:00 Uhr am Yaesu Central Ticket Gate der Tokyo Station getroffen hatten, zogen wir allesamt los, Richtung Chiyoda-ku (jap. 千代田区), dem kaiserlichen Bezirk in Tokyo. Auf der Uchibori-dori, der Straße, die im Osten am Kaiserpalast vorbeiläuft, bekam jeder von uns von einem jungen Mann noch ein Winkelement in Form einer schön großen Japan-Fahne in die Hand gedrückt. Von diesen Fähnchen sollten wir später noch hunderte – ja tausende – zu sehen bekommen.
Zu meiner Überraschung kamen wir recht schnell am Eingang zum kaiserlichen Garten an und auch hinein. Ich hatte eigentlich erwartet, aufgrund des enormen Ansturms, einige Stunden warten zu müssen. Aber wir kamen vermutlich zu einer recht günstigen frühen Zeit. Zunächst ging es noch vor dem Eingang zum Palast vorbei an zwei Security-Checks. Dort merkte ich, dass die Sicherheitskräfte scheinbar sehr viel Vertrauen in die Besucher setzen. In Deutschland undenkbar: man durfte Trinkflaschen – auch große – mit auf das Palastgelände nehmen. Es gab einzig den Hinweis, diese Flaschen doch bitte während des Aufenthaltes im Palastgelände in der Tasche zu lassen. Es wurde scheinbar kein Gedanke daran verschwendet, dass die Behälter als Wurfgeschosse verwendet werden könnten. Andererseits – wer will dem Tenno schon ein Leid antun?!
Nach den Kontrollen überschritten wir die Nijubashi Brücke und betraten den kaiserlichen Park. An normalen Tagen ist an der Brücke für Besucher Schluss. Weiter kommt man nicht in das Palastgelände hinein.
Schließlich erreichten wir einen großen Platz vor dem Palast. Der Teil des Palastes, den wir sehen konnten, besteht aus einem langen Gebäude an dessen Längsseite von einer Seite zur anderen ein langer verglaster Balkon entlangläuft, in dessen Mitte sich ein Vorbau befindet, in dem sich die kaiserliche Familie zeigen würden.
Um 10:20 trat dann der Kaiser mit seiner Familie auf den Balkon und hielt eine kurze Ansprache. Kurz vor der Ansprache zupfte eine ältere japanische Dame – die sah, dass ich mit meinen zwei Kameras bis weit über die winkende Menge reichte – an meinem Ärmel und fragte, ob ich mit ihrem Fotoapparat auch einmal ein paar Bilder "von weiter oben" schießen könnte. Weil ich ja ein gut erzogener Pionier bin, meinte ich "Hai, dozō", nahm ihre kleine Kamera, drückte ihr meine zwei Apparate in die Hand und schoss ein paar Bilder. Anschließend tauschten wir wieder zurück und sie bedankte sich sogar mit einem deutschen "Danke". Ist schon toll, wenn man kleinen Leuten helfen kann (^_^) Nach dem Ende der Rede des Kaisers schwenkten wir alle unsere mitgebrachten Japan-Flaggen. Es war ein beeindruckendes Bild. Und von überall erschollen „Tenno Tenno Tenno“-Rufe und andere Sprüche die ich leider nicht ganz verstand und daher nicht wiedergeben kann.
Nach diesem ersten Höhepunkt des Tages schlenderten wir durch den Park und legten uns eine Weile auf eine Wiese. Die Sonne schien und es war wunderbar warm. Sogar ein blühender Kirchbaum stand am Rande.
Außerdem gönnten sich Raik und ich noch etwas Besonderes: Einen kleinen Tischkalender der japanischen Kaiserfamilie. Einfach wunderschön…
Der Kaiser tritt an seinem Geburtstag übrigens dreimal auf. Und wer es an Tennos Geburtstag nicht zu einem "Besuch" schafft, der hat am 02. Januar eines jeden Jahres noch einmal die Chance. Dann spricht Kaiser Akihito zum Neujahr zum japanischen Volk.
Nachdem wir den Kaiserlichen Park im Norden verlassen hatten, machten wir uns auf den Weg in Richtung des Yasukuni-Schreins (jap. 靖国神社 Yasukuni-jinja; "Schrein des friedlichen Landes"). Es handelt sich dabei um einen Shintō-Schrein, in dem die Angehörigen des japanischen Militärs, die in den Bürgerkriegen nach der Meiji-Restauration von 1868 auf der Seite der kaiserlichen Armeen oder in den Kriegen Japans in Asien und gegen die USA ihr Leben ließen, als "kami" und "Heldenseelen" (jap. 英霊 eirei) verehrt werden.
Auch hier konnten wir wieder viele interessante Menschen beobachten. Neben ein paar japanischen Rechten und einer Handvoll Yakuza, auch eine Betriebsdelegation, die in dem Schrein die Toten ehrte.




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