代々木公園で見た

代々木公園で見た

Dienstag, 3. April 2007

Hanami

Seit gut einer Woche sprießen überall in Tokyo die Kirschblüten. Es ist die Zeit des Hanami (jap. 花見). Niemanden hält es in seiner/ihrer freien Zeit im Haus – und seien es auch nur einige Minuten in der Mittagspause. Auf den Straßen und in den Parks tummeln sich Jung und Alt unter der rosa-weißen duftenden Pracht der blühenden Bäume, bewaffnet mit Fotohandys oder "richtigen" (Digital)Kameras. Einige bringen gar halbe Fotostudios mit: Spiegelreflexkamera, mehrere Objektive mit dazugehörigen optischen Filtern und riesige Stative, damit die Bilder auch ja nicht verwackeln.
Auch die Umwelt freut sich, ob dieser Zeit. In den Meguro-kawa (jap. 目黒川), das Fließgewässer an dem ich jeden Tag auf dem Weg zum Büro entlanggehe, wurden schon seit über einer Woche keine Abwässer mehr geleitet. Denn an dem Fluss – wenn auch vielleicht besser als Kanal bezeichnet, da begradigt und von Betonufer eingefasst – stehen hunderte Kirschbäume, unter denen nun die begeisterten "Blütengucker" wandeln. Und diese sollen beim Senken des Blicks und damit auch der Nase keinen Wahrnehmungsschock erleiden. Die üblicherweise waschwasserblaue Farbe des Gewässers wurde durch ein gesundes Grün abgelöst und der oftmals durch eine schwefelige Note betonte "Duft" wich dem relativ neutralen Geruch des nassen Elements.

Am Wochenende nun versammelte sich die gesamte Tokyoter Bevölkerung in den Parks der Stadt, um bei Unmengen von Speis' und Trank' gemeinsam Hanami, übersetzt heißt das einfach nur "Blütengucken", zu feiern.
Auch ich wollte da nicht außen vor bleiben und verbrachte den vergangenen Samstag zusammen mit Silvia (einer Freundin aus Deutschland, die gerade zu Besuch ist), Matthias, Nami, Aya, Hiromi, Chi und Ume im Ueno-Park, um zusammen mit geschätzten 1.000.000 anderen Menschen Unmengen an Alkohol, Sushi, Pizza, Snacks und verschiedenes Meeresgetier zu verputzen und uns am Blütenregen und dem Karaoke benachbarter Gruppen zu erfreuen. Das Wetter spielte zwar leider nicht ganz mit – geschlossene Wolkendecke und Temperaturen um die 12 – 15 °C – aber das tat dem Ganzen keinen Abbruch. Als die Dunkelheit anfing hereinzubrechen, wurden die Lampions angezündet, die in langen Reihen unterhalb der Bäume hingen und die Landschaft so in ein angenehmes rotes Licht getaucht.




Ganz anders dagegen sah, was das Wetter anging, der Sonntag aus: strahlender Sonnenschein und gefühlte 25 °C. Weshalb ein erneuter Tag inmitten einer wuselnden Masse aus schwarzen Köpfen und Fotoapparaten geplant und in Chiyoda-ku in die Tat umgesetzt wurde. Als erstes führten die Schritte von Silvia und mir zum Garten des Kaiserpalastes, wo wir auf der großen Wiese im östlichen Teil eine Pause einlegten – zum Blütengucken und Leute-Beobachten. Doch wir beobachteten nicht nur – wir wurden auch beobachtet. So von einem kleinen knuffigen Japaner, der gerade zwei oder drei Lenze zählte und allem Anschein nach erst wenige Nicht-Japaner zu Gesicht bekommen hatte. Zusammen mit seinen Eltern kam er an unserem Lagerplatz vorüber und blieb wie angewurzelt stehen. Sein Papa wollte Fotos von ihm machen, aber der kleine Bub reagierte nicht. Starrte unentwegt auf uns zwei Gaijins. Jedoch ohne eine Mine zu verziehen oder auf Winken, Zureden oder jegliche Ablenkungsmanöver zu reagieren. Wie der hiesigen Welt entrückt stand er felsenfest da. Da half kein elterliches Rufen, Ziehen, Schieben oder Geklapper mit dem Spielzeug. Erst als seine Eltern sich schließlich zum Gehen entschieden, erwachte er und trottete hinter seinem Kinderwagen hinterher. Wir waren vergessen.




Irgendwann setzten auch Silvia und ich unseren Weg weiter nach Norden fort, Richtung Yasukuni-Schrein. Waren wir im Kaiserlichen Garten bislang nicht auf eine ungewöhnlich große Anzahl an Menschen gestoßen, änderte sich das am nördlichen Tor des Gartens mit einem Mal. Als wir um die letzte Ecke vor der Pforte bogen, standen wir plötzlich einer riesigen Menschentraube gegenüber, die in zwei Richtungen durch das ca. drei Meter breite Portal strömte. Der Grund war auch schnell entdeckt. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich Kirschbäume in voller Blüte und einige Meter weiter der Yasukuni-Schrein. Wir stürzten uns also in die Menschenflut und wurden alsbald auf die gegenüberliegende Seite des Tors gespült. Dort angekommen bot sich – über die anderen Häupter hinweg – ein wunderbarer Blick auf die Bäume, den Gondelteich und – zu unserem Entsetzen – auf die vorsichtig geschätzten 100.000 Menschen, die auf dem selben Weg, wie wir waren. Aber da mich nach vier Monaten Tokyo nichts mehr so schnell schrecken kann, was Menschenansammlungen angeht, und Silvia mir wohl oder übel folgen musste, wurden wir schon bald weiter getrieben in Richtung Schrein. Die Straße vom westlichen Torii zum Schrein selbst war flankiert von unzähligen Ständen, die neben Essen, Getränken, Eis und verschiedenen Souvenirs auch einige Kurzweil' anboten. Besonders gefiel uns die Aktion, bei der mit einem Papierköcher kleine Goldfische und andere geschuppte Flossenträger gefangen werden konnten. Für 300 Yen durfte solange gefischt werden, bis das Papier des Köchers ein Loch hatte und damit das Fischen unmöglich wurde. Der kluge Fischer kümmerte sich also um die kleinen Fische, da die großen Exemplare das Papier sehr schnell zerrissen und das Vergnügen damit vorbei war. Die gefangenen Wassertierchen durften anschließend mit nach Hause genommen werden. Entweder für das Aquarium, zum Sushi oder als lebender Snack zwischendurch.



Jedoch geht die Blütenpracht langsam aber sicher ihrem Ende entgegen. Vor allem "Dank" starker Winde und Regen in den letzten Tagen wurden bereits tausende Blüten von den Bäumen gerissen. Nun sind die Wege an vielen Stellen teilweise von einer weißen Schicht aus herabgefallenen Blüten bedeckt.

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